Jama'at-un Nur Deutschland e.V.
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Einführung in das Risale-i Nur

Die Arbeiten des türkisch-islamischen Erneuerers und Gelehrten Said Nursi gehörten lange Zeit zu den wenig beachteten Werken des Beginnes der Auseinandersetzung mit der Moderne. Dies lag nicht allein daran, daß sein umfangreiches Werk, das Risale-i Nur, nicht leicht zu übersetzen ist, sondern auch an den Schwierigkeiten vieler Westeuropäer, denen sie bei der Auseinandersetzung mit einem Denker begegnen, der konsequent und leidenschaftlich, mit unbestechlicher Ehrlichkeit über seine Sichtweise der Essenz des Lebens diskutiert.

 

Die europäische Gegenwart wird vielmehr von Themen beherrscht, in denen es um technische Machbarkeit um Umweltprobleme oder Sozialstaat geht. Man ist daher kaum bereit, jemandem zu zuhören, der aus dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und Bedingtheit redet. Said Nursi lebt diese Antithese zur bedingungslosen säkularen Modernität bzw. Modernisierung seiner Heimat, der Türkei, in deren Volksfrömmigkeit er ebenso eingebettet war wie in die politisch-intellektuellen Diskussionen der schwierigen Jahre des Unterganges des osmanischen Reiches und des Aufbaus der türkischen Republik.

 

Said Nursi wurde 1877 von sieben Kindern in seine Familie als viertes Kind im ostanatolischen Dorf Nurs geboren, wo er seine Kindheit verbrachte und eine klassische, religiös geprägte Ausbildung in den Medressen erhielt. Allerdings fiel er schon früh durch seine Intelligenz, seinen Willen zur Unabhängigkeit und seinen beinahe tollkühnen Mut auf. Der Weg führte ihn über den Beruf des religiösen Lehrers und Beraters nach Istanbul, das in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg ein Sammelpunkt vieler unruhiger Geister aus dem gesamten Reich war. Seine mit Geschick vertretenen gesellschaftspolitischen Ansichten und pädagogischen Reformideen brachten ihn bald ins Gespräch- und ins politische Abseits.

 

Bei Ausbruch des Krieges engagierte er sich für die Einheit des khalifatischen Reiches, wobei er schon sah, dass das politische Kalifat das persönliche, die letzte Verantwortung vor Gott, ungebührlich überdeckt hatte.

 

Dennoch kämpfte Nursi in Wort, Schrift und Tat. So verteidigte er als Kommandeur eines Freiwilligenregiments mit großer Tapferkeit Bitlis. Nach kurzer Gefangenschaft in Russland gelang ihm die Flucht quer durch ein winterliches Osteuropa über Berlin nach Istanbul, wo man ihn sogleich in die allgemeinen Probleme einband.

 

Der sich bald darauf anbahnende Weg der Türkei in einen laizistischen Staat führte Nursi in den Widerstand, der in seiner Art an andere theologische Denker Europas erinnert wie z.B. den Dietrich Bonhoeffers gegenüber dem NS-Regime.

 

Said Nursi erlitt das Schicksal zahlreicher Theologen und Denker des zwanzigsten Jahrhunderts: Man exilierte ihn in der eigenen Gesellschaft, verhaftete und verurteilte ihn, versuchte seine Persönlichkeit durch Isolierhaft zu zerstören, um ihn schließlich als alten Mann frei zu lassen.

 

Nursi beantwortete die Bedrohung mit einem gänzlichen Rückzug auf das Letzte: den Glauben und das menschliche Kalifat. Sein einziger Begleiter in all den Jahren war der Koran, mit dem er über sein phänomenales Gedächtnis und seine stets zupackende Intelligenz ein leidenschaftliches Gespräch führte, dessen schriftlichen Niederschlag seine ständig wachsende Schar von Schülern auf losen Blättern heimlich zugesteckt erhielt.

 

Als Said Nursi 1960 starb, war er in der Türkei so populär, dass die laizistische Führungselite in Ankara für eine anonyme Beerdigung sorgen musste, um das Entstehen eines Wallfahrtsortes schon im Ansatz zu verhindern.

 

Darum konzentrierte sich die Gemeinschaft seiner Schüler, die jama’at - i Nur, auf sein Werk: Das Risale-i Nur, das Sendschreiben des Lichtes. Sie schrieben es weiterhin ab und druckten es auf eigene Kosten, sobald sich dafür die Möglichkeit bot. Wenn man danach fragt, welche zentralen Aussagen die Essays, Aufsätze, Reden, Dialoge und Kommentare enthalten, dann stößt der Leser auf wenige und höchst überraschende Sätze, die unter den strukturellen Bedingungen des Islam anders als im Christentum, das stets die priesterliche Sakramentverwaltung und eine auf ihr aufbauende Kirche kannte. Beides ist den Muslimen fremd. Sie bilden eine kirchenlose Gemeinschaft.

 

(a) Said Nursi antwortete auf die an der vorgegebenen Welt allein orientierten Moderne mit dem Verweis auf die Bedingtheit jeglichen Daseins, d. h. der Mahnung, der Mensch, das Geschöpf lebe in einer Schöpfung, für die und in der er letzte Verantwortung trage. Leben sei Gottesdienst, der in der Gegenwart nur als innerer Djihad, Ringen, des Lernens und der Ideen gelebt werden könne. Es sei eine menschliche Schwäche, diese Grundthese nicht anzunehmen. Nursi ging soweit zu behaupten, sie sei letztlich die Ursache für die politische Ohnmacht der islamischen Völker.

 

(b) Um sie zu überwinden, müssten die Gläubigen für den Glauben an sich streiten, d. h. dafür, dass die Menschen ihre zeitliche Bedingtheit ebenso annähmen wie den Umstand, dass der Mensch die Frage seiner transzendentalen Offenheit beantworten müsse.

 

(c) Schließlich stünde der Glaube als der Bereich letzter Entscheidung vor aller Politik. Der Islam begründe sie, wodurch das religiöse Recht, die Scharia, zu 99% eine Angelegenheit der Moral sei und nur der Rest politisch sei. Das Bewusstsein wird für Said Nursi von jenen letzten Glaubensentscheidungen erleuchtet, während der Verstand durch die Wissenschaften erleuchtet, geführt würde; schließlich sei eine Stunde Nachdenken besser als ein Jahr (blinden) Gottesdienstes. Dies dürfe nur nicht dazu führen, die Natur oder den zivilisatorischen Fortschritt an die Stelle Gottes zu setzen, denn die Naturwissenschaften können die Frage nach ihm nicht beantworten. Der Moslem hingegen bekenne die Einzigkeit Gottes, was nicht das Ende des Diskurses unter den Menschen, seinen Geschöpfen, bedeute, worauf der Koran bereits hinweise. Die koranische Aufforderung an die Gläubigen, sich zu beraten, schließt für Nursi die offene politische Debatte ein.

 

Das Provozierende seines Denkens erschließt sich dem Leser erst, wenn er bei der Lektüre bedenkt, unter welchen Umständen die einzelnen Texte entstanden. Said Nursi schrieb sie zu meist heimlich und gab sie über Kuriere an seine Schüler weiter, von denen viele zu den einfachen Menschen gehörten. Aufgrund der häufigen Razzien durften die Arbeiten nichts enthalten, was bei ihrer Entdeckung durch die Justiz zur Straf- oder Haftverschärfung führen konnte. Wenn die Papiere schließlich über u. U. mehrfaches Kopieren schließlich bei den Universitäten oder intellektuellen Kreisen ankamen, die ihren Glauben trotz des gesellschaftlichen Druckes bewahrten, so wurden die provokativen Denkansätze aufgegriffen. Die Folgen dieses "gegensätzlichen" Umgangs mit dem Risale-i Nur sind bis heute auf jeder größeren Tagung in der Türkei zu spüren: Während die schlichten Persönlichkeiten am Wort ihres verehrten Hocas hängen, knüpfen die Intellektuellen an den diese irritierenden Gedanken an. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf die Vorraussetzungen der Moderne: ihre scheinbar bedingungslose Säkularität, die Entlassung der Arbeit aus der khalifatischen Verantwortung des Menschen, dem Rückzug der Moral aus der gesellschaftlichen Diskussion oder die Betrachtung der Welt als aus sich selbst heraus existierend und nicht als geschenkte Schöpfung. Said Nursi setzt dem bewusst sein Bild des lobpreisenden Wanderers des inneren Djihad dagegen. Er mahnt folgerichtig bei den Prozessen der Industrialisierung, Demokratisierung und Verwissenschaftlichung die khalifatische Bedingtheit des Menschen an, dem es nicht zukomme, Denkmäler zu errichten, sondern dem es allein anstehe Krankenhäuser, Straßen, Schulen, Moscheen zu bauen, wenn er schon etwas schaffen wolle, was seine Zeitlichkeit überdauere. So lesen sich manche Texte des Risale-i Nur wie Abmahnungen an die Gegenwart.

 

 

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